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24. November 2011 / Philippe Wampfler

Parzivals Erziehung. Die richtige Frage im richtigen Moment stellen.

S 182r aus der Heidelberger Parizval Handschrift

Im dritten Buch des Parzivals von Wolfram von Eschenbach wird Parzivals Erziehung beschrieben. In der Hoffenung, ihren Sohn vom Leben als Ritter abhalten zu können, hat ihn seine Mutter schlecht unterwiesen und als Narr gekleidet in die Welt entlassen. Nach einigen eher negativen Erfahrungen trifft er Gurnemanz von Graharz, der ihn als Erzieher Rittertugenden lehrt. Unter anderem sagt er ihm:

ich bin wol innen worden
daz ir râtes dürftic sît:
nu lât der unvuoge ir strît.
irn sult niht vil gevrâgen:
ouch sol iuch niht betrâge
bedâhter gegenrede, diu gê
rehte als jenes vrâgen stê,
der iuch wil mit worten spehen.
ir kunnet hœren unde sehen,
entseben unde dræhen:
daz solte iuch witzen næhen.

Ich habe gemerkt,
dass Ihr Rat braucht.
Seid nicht mehr so ungehobelt!
Ihr sollt nicht viele Fragen stellen!
Gewöhnt Euch an zu überlegen,
was Ihr zur Antwort geben wollt;
sie soll auf die Frage dessen eingehen,
der etwas von Euch hören will.
Ihr könnt doch hören, sehen,
schmecken, riechen:
All dies bringe Euch so langsam zu Verstand!

Parzival soll also als Ritter keine Fragen stellen. Dieser Rat wird ihm zunächst zum Verhängnis: Auf der Gralsburg wartet der König Anfortas darauf, dass Parzival ihm eine Frage nach seinem Befinden stellt, Parzival hält sich aber an den Ratschlag von Gurnemanz. So zeigt er, dass er die Regeln der ritterlichen Tugend höher wertet als Mitleid – und wird vom Hof verstossen, anstatt König zu werden. Parzival ist sich keiner Schuld bewusst, er verflucht Gott, der ihm nicht geholfen habe. Erst der weise Einsiedler Trevrizent erklärt ihm die richtige Haltung Gott und dem Gral gegenüber:

ir jeht, ir sent iuch umbe den grâl:
ir tumber man, daz muoz ich clagen.
jane mac den grâl nieman bejagen,
wan der ze himel ist sô bekannt
daz er zem grâle sî benant.

Oh Unverstand! Ihr tut mir leid!
Ihr sagt, Ihr sehnt Euch nach dem Gral.
Denn niemand kann den Gral erreichen,
den nicht der Himmel ausersieht,
und daraufhin zum Gral beruft. 

Parzival lernt schließlich, dass er Anfortas aus Mitleid die richtige Frage stellen muss – und tut das schließlich, worauf er Gralskönig werden kann:

alweinde Parzivâl dô sprach
«saget mir wâ der grâl hie lige.
op diu gotes güete an mir gesige,
des wirt wol innen disiu schar.»
sîn venje er viel des endes dar
drîstunt zêrn der Trinitât:
er warp daz müese werden rât
des trûrgen mannes herzesêr.
er riht sich ûf und sprach dô mêr
«œheim, waz wirret dier?»

Schluchzend sagte Parzival:
»Sagt mir, wo der Gral hier liegt.
Wenn Gottes Liebe an mir siegt,
so wird die das Gemeinschaft spüren!«
Er kniete in der Richtung des Grals hin
dreimal, der Trinität zu Ehren,
und erflehte die Befreiung
des armen Mannes von seinem seelischen Leid.
Er richtete sich auf und fragte:
»Oheim, sag, was quält dich so?«

Parzivals Parallelfigur, Gawan, stellt in seinem Abenteuer eine Frage zu viel – was dazu führt, dass ihm die wichtige Antwort verweigert wird, weil er seine Absichten durchscheinen lässt.

Man kann das Epos aus dem 13. Jahrhundert so verstehen, dass es eine entscheidende menschliche Fähigkeit ist, die richtige Frage im richtigen Moment zu stellen. Im Altgriechischen gibt es den Begriff kairos dafür – der richtige Moment, der nicht verstreichen darf.

* * *

Zu diesem Post wurde ich – nomen est omen – vom Inspirationsblog inspiriert. Dort wird das Buch Miteinander denken. Das Geheimnis des Dialogs von M. und F. Hartkemeyer/L. Freeman Dhorit zitiert:

Wir könnten uns viel Frust und manchmal auch viel Leid ersparen, wenn wir uns öfters trauen würden, echte Fragen zu stellen und «von Herzen zu sprechen». Leider hindert uns unsere gute Erziehung daran.

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