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15. September 2012 / Philippe Wampfler

Schutzsprache. Herta Müller im Gespräch mit Michael Lentz.

Im Rahmen der Leipziger Poetikvorlesungen hat Herta Müller mit Michael Lentz ein Gespräch geführt, in dem sie über ihre »Lebensangst und Worthunger«, so der Titel, berichtet. Lentz bittet sie im Verlauf des Gesprächs, einen Satz zu erläutern:

Der Satz lautet: »Die Tatsachen hätten, als sie geschahen, die Wörter, mit denen man sie später aufschreibt, gar nicht ertragen.« [aus dem Essay: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm – wenn wir reden, werden wir lächerlich“, phw]

Müller antwortet darauf, sie habe »im Erleben, in schlimmen, in angstmachenden Situationen überhaupt nicht in Wörtern reagiert oder gedacht«, und erwähnt dann als konkretes Beispiel das Verhör (im Rumänien Ceaușescus):

Beim Verhör im Schlagabtausch. Sprache außerhalb der Mitteilung ist ein andere Metier, ein von der Lebensnot weit entferntes Gelände. Formulieren, das kommt erst danach. Wenn ich damals im Geschehen angefangen hätte, über Wörter nachzudenken, wäre das fatal gewesen, ich hätte das Handeln, das UNBEDINGT JETZT blockiert. Auch mein Denken, was ich jetzt aus dieser Situation zu machen habe, hätte ich mit Wörtern blockiert. Ich hatte nichts als den nackten Schlagabtausch, stundenlang. Das war höchstens die kürzeste Verwendung von Wörtern, man mußte immer austarieren: Was weiß der jetzt? Was antwortest du? Antwort immer kurz, das war die Grundregel. Nie mehr sagen, als man muß, als er vielleicht weiß. Er soll lieber noch dreimal fragen. Nicht durch eine Antwort etwas aufmachen, was er noch gar nicht weiß, oder eine andere Frage verursachen, die er vielleicht gar nicht stellen würde, wenn du jetzt strikt knapp geblieben wärst. Darum ging es, aber nicht um Schreibsprache, sondern um das Retten der Haut, Schutzsprache.

10. September 2012 / Philippe Wampfler

Hitchens übers Sterben.

Das letzte Buch des großen amerikanischen Journalisten Christopher Hitchens ist letzte Woche posthum erschienen. Es heißt »Mortality«, ist also ein Buch übers Sterben. Interessante Auszüge gibt es bei BrainPickings, dort steht auch ein wunderschönes Zitat, das Hitchens stoische Haltung dem Tod gegenüber zum Ausdruck bringt:

To the dumb question ‘Why me?’ the cosmos barely bothers to return the reply: Why not?
[Übersetzung phw:] Auf dumme Frage »Warum ich?« antwortet das Universum gerade mal: Warum nicht?

Lassen wir das ohne weiteren Kommentar so stehen.

Christopher Hitchens. Bildquelle: Wikimedia Commons.

8. August 2012 / Philippe Wampfler

Gödels Unvollständigkeitssatz. Unbeantwortbare Fragen.

Dieser Auszug aus Logicomix, einem Graphic Novel, also einem Roman-Comic über die Entwicklung der Logik zeigt die Bedeutung von Gödels Erstem Unvollständigkeitssatz, mit dem er bewiesen hat, dass es in jedem System von Aussagen (wie z.B. der Logik oder der Mathematik) immer Aussagen gibt, die weder bewiesen noch widerlegt werden können, dass also solche Systeme notwendigerweise unvollständig sein müssen.

Gödels Beweis funktioniert ungefähr so (er ist zu formal und kompliziert, als dass ich ihn selber nachvollziehen könnte), dass er in einem solchen System eine selbstreferentielle Aussage konstruiert (als Beispiel: »Ich lüge jetzt gerade.«), die sowohl einen Widerspruch erzeugt, wenn sie wahr ist, als auch, wenn sie falsch ist. Dieser Aussage, der so genannte »Gödelsatz« ist dann weder beweisbar noch widerlegbar.

 

4. August 2012 / Philippe Wampfler

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Im Mittelpunkt von Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (pdf – depositfiles) von 1984 stehen Tomas und Teresa, ein Liebespaar. Ihre Beziehung wirft existenzielle und politische Fragen auf, die der Erzähler stets reflektierend interpretiert und deutet – was den Roman reizvoll, aber auch etwas schwerfällig macht. Bekannt wurde der Roman auch durch die Kaufman-Verfilmung von 1988 mit Juliette Binoche als Teresa und Daniel Day-Lewis als Tomas.

Ich möchte drei Zitate aus der deutschen Übersetzung zitieren – der Roman erschien in der Tschechei erst vor wenigen Jahren, Kundera lebte seit 1975 in Frankreich.

Die erste Frage erklärt gewissermassen den Titel des Roman, der immer wieder in neuen Deutungen vorkommt:

Was also soll man wählen? Das Schwere oder das Leichte?
Parmenides hat sich diese Frage im sechsten Jahrhundert vor Christus gestellt. Er sah die ganze Welt in Gegensatzpaare aufgeteilt: Licht-Dunkel; Feinheit-Grobheit; Wärme-Kälte; Sein-Nichtsein. Er betrachtete den einen Pol (Licht, Feinheit, Wärme, Sein) als positiv, den anderen als negativ. Eine solche Aufteilung sieht kinderleicht aus, bringt jedoch eine Schwierigkeit mit sich: was ist positiv, das Schwere oder das Leichte?
Parmenides antwortete: das Leichte ist positiv, das Schwere ist negativ.
Hatte er recht oder nicht? Das ist die Frage. Sicher ist nur eines: der Gegensatz von leicht und schwer ist der geheimnisvollste und vieldeutigste aller Gegensätze.

Das zweite Zitat steht als Titel über zwei Kapitel des symmetrisch gebauten Romans, das Verhältnis von Körper und Seele ist gewissermassen das Thema der Figur Teresa:

Wie sähe dann aber das Verhältnis zwischen Teresa und ihrem Körper aus? Hätte ihr Körper überhaupt ein Anrecht auf den Namen Teresa? Und wenn nicht, worauf bezöge sich ihr Name? Nur auf etwas Nicht-Körperliches, Nicht-Materielles?
(Es sind immer dieselben Fragen, die Teresa seit ihrer Kindheit beschäftigen. Wirklich ernsthaft sind nämlich nur
Fragen, die auch ein Kind stellen kann. Nur die naivsten Fragen sind wirklich ernsthaft. Es sind die Fragen, auf die es
keine Antwort gibt. Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist eine Barriere, über die man nicht hinausgehen kann.
Anders ausgedrückt: Gerade durch die Fragen, auf die es keine Antwort gibt, sind die Möglichkeiten des Menschen abgesteckt, die Grenzen seiner Existenz gezogen.)

Und die letzte der drei Fragen verbindet den intertextuellen Verweis auf die Ödipus-Geschichte mit dem politischen Hintergrund des Prager Frühlings: Die Kommunisten, die in ihren Bemühungen unermessliches Leid anrichten, befinden sich in Tomas‘ Interpretation in der Rolle des unwissenden Ödipus:

Er sagte sich: die Grundfrage laute nicht: Haben sie es gewußt oder nicht?, sondern: Ist der Mensch unschuldig, weil er unwissend ist? Ist ein Dummkopf auf dem Thron von aller Verantwortung freigesprochen, nur weil er ein Dummkopf ist?

4. August 2012 / Philippe Wampfler

Curious Temptation.

Schöne Grafik von nicebleed, die auch als Poster etc. bestellt werden kann.

4. Juli 2012 / Philippe Wampfler

344 Fragen in Flowcharts.

Ich habe bereits einmal Flowcharts vorgestellt, mit denen Fragen und Antworten visualisiert werden. In einem älteren Beitrag von Brainpickings wird das Buch »344 Questions« vorgestellt, in dem es um Lebensfragen geht, die ebenfalls mithilfe von Flowcharts beantwortet werden können. Es ist, so der Untertitel, ein Führer zur Erfüllung in vielen Hinsichten…

Man sehe selbst, wie es funktioniert (klicken und die Bilder werden größer):

Der Autor, Stefan Bucher, äußert sich wie folgt über sein Werk:

Let’s be clear: I want this book to be useful to you. There are many great how-to books and biographies out there, and even more gorgeous collections of current and classic work to awe and inspire. But looking at catalogs of artistic success won’t make you a better artist any more than looking at photos of healthy people will cure your cold. You’ve got to take action!

We are all different people, but we face a lot of the same questions. The point of this book is to give you lots of questions you can use to look at your life — in a new way, with a different perspective, or maybe just in more detail than you have before — so you can find out how you work, what you want to do, and how you can get it done in a way that works for you. Specifically.

Das Buch enthält auch kreative Fragen von kreativen Menschen, wie das abschließende Beispiel zeigt:

27. Juni 2012 / Philippe Wampfler

Hitchcocks Frage. Und die von Constantin Seibt.

Constantin Seibt ist wohl der brillanteste Journalist der Schweiz. Seit ein paar Wochen bloggt er auf Newsnet, sein Blog heißt Deadline. Im Vorspann zu seinem lesenswerten Seibt-Interview schreibt Ronnie Grob:

Die Nachricht [des Blogs] lautete: Ich kann nicht generell besser schreiben als ihr, sondern ich verwende Tricks. Und ich teile sie mit euch.

Heute beschreibt Seibt einen solchen Trick, den er sich bei Hitchcock abgeschaut hat:

In seinem Interviewbuch mit Truffaut beschreibt Sir Alfred Hitchcock eine seiner Lieblingsmethoden, auf Ideen zu kommen. Er empfiehlt, die Konventionen des eigenen Genres genau zu studieren. Und sich dann die Frage zu stellen: «Wie wäre es, wenn wir es ganz anders machten?»

Diese Frage wendet Seibt dann auf den Journalismus an. Am Schluss seines Posts erwähnt er ein paar Ideen für kreative Interviews und zu Fragen an Lesende:

+++ Interviews bestehen aus kurzen Fragen und langen Antworten. Wie sähe ein Interview mit ellbogenlangen Fragen und superlakonischen Antworten aus? +++ Tote sagen nichts mehr. Was kommt heraus, wenn man berühmte Tote per Spiritisten interviewt? +++ Die Auftraggeber von journalistischen Artikeln sind stets andere Journalisten. Was würden die Leser an Recherchen bestellen, wenn man sie fragte? +++ Was passiert, wenn man Routine-Interviewgebendewie Politiker oder Sportler nicht mit Routinefragen, sondern mit den philosophischen Menschheitsfragen eindeckt, etwa mit: Gibt es eine Seele? oder: Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? +++

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