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4. August 2012 / Philippe Wampfler

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Im Mittelpunkt von Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (pdf – depositfiles) von 1984 stehen Tomas und Teresa, ein Liebespaar. Ihre Beziehung wirft existenzielle und politische Fragen auf, die der Erzähler stets reflektierend interpretiert und deutet – was den Roman reizvoll, aber auch etwas schwerfällig macht. Bekannt wurde der Roman auch durch die Kaufman-Verfilmung von 1988 mit Juliette Binoche als Teresa und Daniel Day-Lewis als Tomas.

Ich möchte drei Zitate aus der deutschen Übersetzung zitieren – der Roman erschien in der Tschechei erst vor wenigen Jahren, Kundera lebte seit 1975 in Frankreich.

Die erste Frage erklärt gewissermassen den Titel des Roman, der immer wieder in neuen Deutungen vorkommt:

Was also soll man wählen? Das Schwere oder das Leichte?
Parmenides hat sich diese Frage im sechsten Jahrhundert vor Christus gestellt. Er sah die ganze Welt in Gegensatzpaare aufgeteilt: Licht-Dunkel; Feinheit-Grobheit; Wärme-Kälte; Sein-Nichtsein. Er betrachtete den einen Pol (Licht, Feinheit, Wärme, Sein) als positiv, den anderen als negativ. Eine solche Aufteilung sieht kinderleicht aus, bringt jedoch eine Schwierigkeit mit sich: was ist positiv, das Schwere oder das Leichte?
Parmenides antwortete: das Leichte ist positiv, das Schwere ist negativ.
Hatte er recht oder nicht? Das ist die Frage. Sicher ist nur eines: der Gegensatz von leicht und schwer ist der geheimnisvollste und vieldeutigste aller Gegensätze.

Das zweite Zitat steht als Titel über zwei Kapitel des symmetrisch gebauten Romans, das Verhältnis von Körper und Seele ist gewissermassen das Thema der Figur Teresa:

Wie sähe dann aber das Verhältnis zwischen Teresa und ihrem Körper aus? Hätte ihr Körper überhaupt ein Anrecht auf den Namen Teresa? Und wenn nicht, worauf bezöge sich ihr Name? Nur auf etwas Nicht-Körperliches, Nicht-Materielles?
(Es sind immer dieselben Fragen, die Teresa seit ihrer Kindheit beschäftigen. Wirklich ernsthaft sind nämlich nur
Fragen, die auch ein Kind stellen kann. Nur die naivsten Fragen sind wirklich ernsthaft. Es sind die Fragen, auf die es
keine Antwort gibt. Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist eine Barriere, über die man nicht hinausgehen kann.
Anders ausgedrückt: Gerade durch die Fragen, auf die es keine Antwort gibt, sind die Möglichkeiten des Menschen abgesteckt, die Grenzen seiner Existenz gezogen.)

Und die letzte der drei Fragen verbindet den intertextuellen Verweis auf die Ödipus-Geschichte mit dem politischen Hintergrund des Prager Frühlings: Die Kommunisten, die in ihren Bemühungen unermessliches Leid anrichten, befinden sich in Tomas‘ Interpretation in der Rolle des unwissenden Ödipus:

Er sagte sich: die Grundfrage laute nicht: Haben sie es gewußt oder nicht?, sondern: Ist der Mensch unschuldig, weil er unwissend ist? Ist ein Dummkopf auf dem Thron von aller Verantwortung freigesprochen, nur weil er ein Dummkopf ist?

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