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26. März 2012 / Philippe Wampfler

Malraux‘ Fragen.

In seiner Abrechnung mit dem Kommunismus, dem er selbst auch angehört hatte, schildert Arthur Koestler Anekdoten aus dem Leben von André Malraux. Zwei dieser Anekdoten zeigen, wie Malraux Fragen als Mittel eingesetzt hat, um Gesprächssituationen zu stören und seine Gesprächspartner aus dem Konzept zu bringen.

Die erste stammt aus einem Spiegel-Text von 1968, wo Koestler beschreibt, wie ein Gespräch zwischen ihm und Malraux 1934 verlaufen ist, als er, Koestler, von Malraux eine Spende für die Anti-Nazi-Organisation INFA eintreiben wollte :

Ich besuchte Malraux in seinem Büro bei Gallimard, seinem Verleger; wir unterhielten uns und gingen dabei In dem hübschen Garten hinter dem Gallimard-Gebäude auf und ab. Als leidenschaftlicher Bewunderer Malraux‘ war ich von dem Zusammentreffen sehr eingeschüchtert, fuhr aber tapfer fort, über die großen Aussichten von INFA zu sprechen und seinen noch größeren Bedarf an Spenden.

Malraux hörte schweigend zu und gab gelegentlich einen seiner charakteristischen, lauten, nervösen Schnaufer von sich, die wie der Schrei eines verwundeten Raubtieres im Dschungel klangen und auf die jedesmal ein Schlag mit der Handfläche auf seine Nase folgte. Zuerst war das etwas erschreckend; man gewöhnte sich aber bald daran. Als ich endlich aufhörte zu reden, blieb Malraux stehen, ging drohend auf mich zu, bis ich mit dem Rücken an die Gartenmauer stieß, und sagte:

„Oui, oui, mon cher, mais que pensezvous de l’apocalypse?“ („Gut, gut, mein Lieber, aber was halten Sie von der Apokalypse?“).

Damit gab er mir fünfhundert Franc und wünschte mir guten Erfolg.

Obwohl wir uns später oft trafen und gut miteinander auskamen, ragt dieser Satz, diese Geste für mich aus der Vergangenheit empor wie der Eiffelturm — ein rührendes und leicht komisches Wahrzeichen. Das war der ganze Malraux, wahrhaft besessen von der Lust am Untergang und dennoch wie ein Schauspieler, der Eindruck schinden will …

Die zweite Anekdote habe ich Mordecai Richlers Buch »Solomon Gursky was here« gelesen. Sie stammt ebenfalls von Koestler, der beschreibt, wie Malraux in den 1930er-Jahren an einem Kongress kommunistischer Schriftsteller gelangweilt war von den Vorzügen des kommunistischen Systems und gefragt hat:

»Und was passiert mit dem Mann, der von der Straßenbahn überfahren wird?« – Ein Genosse dachte kurz nach und sagte dann: »Im perfekten sozialistischen Transportsystem gibt es keine Unfälle.«

Eine leicht verschobene Schilderung der Episode findet sich hier, sie lautet:

In den 1930er Jahren wurde der Franzose André Malraux nach Moskau auf den Ersten Sowjetischen Schriftstellerkongress eingeladen. Den Reden über das allgemeine Glück in der kommunistischen Zukunft, über eine Welt ohne Kummer und Tränen lauschend, fragte der französische Literat unerwartet: „Und was, wenn ein Kind unter eine Straßenbahn gerät?“
In den 1930er Jahren wurde der Franzose André Malraux nach Moskau auf den Ersten Sowjetischen Schriftstellerkongress eingeladen. Den Reden über das allgemeine Glück in der kommunistischen Zukunft, über eine Welt ohne Kummer und Tränen lauschend, fragte der französische Literat unerwartet: „Und was, wenn ein Kind unter eine Straßenbahn gerät?“
Es entstand eine unangenehme Pause bis unter beifälligem Gemurmel jemand antwortete: „Bei vollendeter, sozialistischer Planung des Transportsystems wird es solche Unglücksfälle nicht geben!

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