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12. Januar 2012 / Philippe Wampfler

Unzählige Fragen. Immer wieder die gleiche Frage. Lola rennt.

Der prägendste deutsche Film der 90er-Jahre, Lola rennt von Tom Tykwer, beginnt mit einer Reihe von Fragen (hier findet sich eine Transkription von Lola rennt):

Der Mensch.
Die wohl geheimnisvollste Spezies unseres Planeten.
Ein Mysterium offener Fragen.

Wer sind wir?
Woher kommen wir?
Wohin gehen wir?
Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben?
Woher wissen wir überhaupt etwas?
Unzählige Fragen, die nach einer Antwort suchen.
Eine Antwort, die wieder eine Menge neuer Fragen aufwerfen wird.
Und die nächste Antwort wieder die nächste Frage und so weiter… und so weiter…
Doch ist es am Ende nicht immer wieder die gleiche Frage?
Und immer wieder die gleiche Antwort?

Welches ist denn die Frage – und welches die Antwort? Wohl kaum, dass das Spiel 90 Minuten daure und der Ball rund sei.

Die Antwort findet sich später im Film. Tykwer behält das Thema der Fragen bei. Bekanntlich versucht Lola in drei verschiedenen Versionen derselben Geschichte, ihrem Freund Manni zu helfen, indem sie 100’000 Mark besorgt. In der ersten Version wird sie von einem Polizisten erschossen. Tykwer verwendet als extradiegetische Musik dabei das Stück »The unanswered Question«  von Charles Ives.

Das Werk von Ives wird häufig so interpretiert, dass die Trompete die Frage sieben Mal stellt, die Holzblasinstrumente die Suche nach einer Antwort repräsentieren und immer dissonanter werden, desto unmöglicher eine Antwort wird. Die Streichinstrumente sind davon nicht betroffen, sie beteiligen sich nicht an der Suche nach einer Antwort. Leonard Bernstein sagte in seinen Norton Lectures, das Werk stelle keine metaphysische, sondern eine musikalische Frage.

Tykwer nutzt aber nur die harmonischen Teile des Stückes – wahrscheinlich, weil Lola im Anschluss daran weitere Fragen an Manni stellt. Dabei schließt sie mit der Antwort: »Ich weiß es nicht.« Ich verstehe den Film so: Jede Frage ist dieselbe Frage. Sie verlangt nach Gewissheit, wo es keine gibt. Und jede Antwort ist nur Ausdruck von der Unfähigkeit, diese Gewissheit herzustellen, in die Zukunft zu blicken, Möglichkeiten abzuschätzen, zu wissen, wie es ist.

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