Skip to content
12. Januar 2012 / Philippe Wampfler

Die tiefste politische Frage. Selbstbestimmung. Peter Bieri.

Peter Bieris neuestes Buch versammelt drei Essays, die der Autor als Vorlesungen gehalten hat. Er wählt als Titel für den ganzen Band, aber auch für jede Vorlesung eine Frage:

  1. Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? [der erste Teil ist bei Die Presse online verfügbar]
  2. Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
  3. Wie entsteht kulturelle Identität?

In der der ersten Vorlesung über Selbstbestimmung geht Bieri mehrmals auf fragen als Technik ein.

Doch wie genau machen wir das: uns befragen, uns verstehen, uns verändern?

Es hat viel mit Sprache zu tun – mit dem Finden der richtigen Worte für das, was wir denken und erleben. Über sich selbst zu bestimmen, kann heißen, sich im eigenen Denken zu orientieren und seine Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Stimmt es eigentlich, was ich über dieses Land, diese Wirtschaftsentwicklung, diese Partei, diese Freundschaft und diese Ehe denke? Indem ich nach Belegen für oder gegen gewohnte Überzeugungen suche, eröffne ich einen inneren Prozess, in dessen Verlauf sich diese Überzeugungen ändern können. […]

Im Denken selbstständiger, mündiger zu werden, bedeutet auch, wacher zu werden gegenüber blinden sprachlichen Gewohnheiten, die uns nur vorgaukeln, dass wir etwas denken. – Diese Wachheit kommt in zwei Fragen zum Ausdruck: Was genau bedeutet das? Und: Woher eigentlich weiß ich das? Es gehört zu einem selbstbestimmten Leben, dass einem diese Fragen zur zweiten Natur werden,wenn von wichtigen Dingen die Rede ist wie etwa: Freiheit, Gerechtigkeit, Patriotismus, Würde, Gut und Böse. Über sich selbst zu bestimmen heißt: unnachgiebig und leidenschaftlich zu sein in der Suche nach Klarheit und gedanklicher Übersicht.

Selbstbestimmung bedeutet letztlich, Einschätzungen und Erkenntnisse, Lebensweisen und Haltungen nicht von außen oder aus seiner persönlichen Geschichte zu übernehmen, sondern sie auf ihre Bedeutung hin zu befragen und sich zu vergewissern, dass sie auch zu einem passen.

Bieri schließt mit einem Abschnitt zu Manipulation. Dort schreibt er:

Was also unterscheidet Einfluß, den wir als Manipulation empfinden, von Einfluß, der die Selbstbestimmung nicht bedroht, sondern fördert? Ich halte das für die tiefste und schwierigste politische Frage, die man aufwerfen kann. […]

Am tückischsten sind die undramatischen, unauffälligen Manipulationen durch akzeptierte oder sogar gepriesene Bilder, Metaphern und rhetorische Formeln. […] Fernsehen, Zeitungen und politische Reden sind voll davon, und es gibt jede Menge Mitläufer.

Dem kann man nur Wachheit entgegensetzen im Sinne der Frage: Ist das wirklich die richtige Art, die Dinge zu beschreiben? Trifft das die Art, wie ich denke und empfinde? Und je größer die päpstliche Selbstgewißheit ist, mit der uns die lautstarken Formeln entgegenkommen, desto hartnäckiger muss die Nachfrage sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: