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21. Oktober 2011 / Philippe Wampfler

»Freilich hab ich nur meine Fragen.« Brechts Fragen-Sonett.

Johannes R. Becher hat die strenge Form des Sonetts 1937 als »Sinnbild einer Ordnungsmacht, Rettung vor dem Chaos« bezeichnet.

Fragen

Schreib mir, was du anhast! Ist es warm?
Schreib mir, wie du liegst! Liegst du auch weich?
Schreib mir, wie du aussiehst! Ist’s noch gleich?
Schreib mir, was dir fehlt! Ist es mein Arm?

Schreib mir, wie’s dir geht! Verschont man dich?
Schreib mir, was sie treiben! Reicht dein Mut?
Schreib mir, was du tust! Ist es auch gut?
Schreib mir, woran denkst du? Bin es ich?

Freilich hab ich dir nur meine Fragen!
Und die Antwort hör ich, wie sie fällt!
Wenn du müd bist, kann ich dir nichts tragen.

Hungerst du, hab ich dir nichts zum Essen.
Und so bin ich grad wie aus der Welt
Nicht mehr da, als hätt ich dich vergessen.

Bertolt Brecht, 1934

Die Adressatin des Gedichts war – wenn man es in einen biographischen Rahmen stellt – wohl Margarete Steffin. Simran Karir schreibt in ihrer Masterarbeit über die Liebeslyrik Brechts darüber (pdf, S. 118f.):

Insofem sind die Fragen des „Ich“ authentische Fragen, auf die nur sie antworten kann. Die Antworten sind solche, die er für sich zwar ersehnt und braucht, keineswegs aber selber schon weiß. Sein Text ist ohne sie radikal unvollstandig, nur sie jedoch vermag ihn zu vervollstandigen. Gleichzeitig entwerfen die Fragen eine Skizze, einen Umriß von Steffin, die verlangen, von der Adressatin selber ausgefüllt zu werden. Ihr Geliebter skizziert sie bis zu einem gewissen Punkt, nur sie aber kann den Entwurf zuende fiihren und mit Leben ausfüllen. Der schattenhafte Umriß dieses Individuums wird durch die unbeantworteten Fragen geschaffen, da dieses Individuum erstmals konkret fehlt, also räumlich wo anders ist, und zweitens nie ganz von jemand anderem – am allerwenigsten dem Liebenden – erschöpfend definiert werden kann. Es bleibt ein Mysterium.
Steffin wird in die sem Sonett also als eine Person dargestellt, die der Liebende intim genug kennt, um bestimmte Bereiche ihres Lebens anzusprechen und Antworten zu ahnen, der am Ende aber ihr die Definition ihrer Person sowie ihrer Bedürfnisse überlassen muss.

Das Gedicht wurde von der Berliner Soulsängerin Joy Denalane als Songtext verwendet, der Song heißt: Fragen (Brief aus Lesotho). Hier ein Auszug:

 

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