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5. April 2011 / Philippe Wampfler

Die Kontingenz-Hymne. Ist das so. Wir sind Helden.

Kontingenz besagt, »dass eben diese Existenz auch anders oder überhaupt nicht sein könnte«. Anders gesagt: Nichts muss so sein, wie es ist. Es gibt kein »AMEN«, das sagt: »So ist es.« Vielmehr wird aus diesem AMEN in der Moderne eine Frage: »Ist das so?« oder »Muss das so sein?« Und die Antwort darauf: »Vielleicht.«

Aus dieser Frage formte Judith Holofernes 2003 einen Song. Er wechselt in allen Strophen geschickt zwischen mehreren semantischen Ebenen, zitiert Normen, Lebensweisheiten, Dinge, »die man so sagt«, aber verfremdet sie gleichzeitig um zu zeigen, dass sich damit spielen lässt, dass sie nicht eine Realität abbilden, sondern eine Realität schaffen. So unterläuft der Texte jede mögliche Form von Orientierung: Fortschritt, Arbeit, Religion, Lebensweisheiten, Demokratie, Glück, Alleingang, Kollektiv – alle Optionen werden zitiert und schon beim Aussprechen verworfen.

Letztlich bleibt der Gestus der Frage, zunächst »Ist das so?« und dann »Muss das so?« – eine einerseits elliptische Frage, die abbricht, bevor ausgesprochen ist, dass vielleicht alles gar nicht so sein muss, andererseits aber auch der Einsatz von »müssen« als Hauptverb (»Ich muss dann mal« oder »Kein Mensch muss müssen«) – und dieser Gestus kann beliebig oft wiederholt und auf alles angewandt werden: Es gibt nur die Sprache und nur die Möglichkeit. Aber nicht die Realität und nicht die Notwendigkeit.

Ist das so,
dass dein Herz in Tag und Stunden schlägt,
ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so,
dass dein Blick die Welt in Scheiben sägt,
ist das so, ich meine muss das so?

Der Weg muss steinig sein,
du musst gepeinigt sein.
Du musst verrückt sein,
solltest du dir zu schnell einig sein.
Nutz jede Lücke Mücke
box dich groß und bück dich klein.
Nur wer allein lacht,
darf am Ende endlich kleinlich sein.

Hast du gehört,
du sollst den Tag nicht vor der Arbeit loben.
Und nach der Arbeit
dann im Gleichschritt durch den Abend toben.
Willst du für immer weiter zappeln
zwischen nichts und oben?
Fühlst du dich abgehoben,
sag fühlst du dich aufgeschoben?

Wer hat das abgestimmt?
Wer hat das vorgeschlagen?
Ich glaub es stimmt bestimmt,
aber ich wollte doch mal fragen:

Sag mal ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so, oder ist es vielleicht viel leichter?

Ist dieses Morgen
denn dein Leben ohne heute wert?
Ist es das wert,
dass man sich nie gegen die Meute wehrt?
Was ist ein Glück schon wert,
dass nur den Pharmazeuten ehrt?
Ist jeder, der sich nie beschwert,
am Ende wirklich unbeschwert?

Ihr könnt so lange,
wie ihr wollt, mit euren Regeln wedeln,
solange Regeln in der Regel
nur den Redner edeln.
Verflucht ihr weiter nur den Wind
in euren trägen Segeln
Ihr könnt so weit ich weiß
noch nicht einmal den Regen pegeln.

Daran anschließen kann man auch noch einen kurze Analyse von Holofernes Absage an Bild respektive Jung von Matt, von denen die Sängerin von Wir sind Helden für eine Werbekampagne angefragt worden ist. Holofernes beschreibt zunächst das Vorgehen der Werbeagentur, die es Prominenten ermöglicht, über Bild zu sagen, was sie wollen. Dieses »ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT« zeigt schön, wie wenig die Sprache sich auf eine feste Wirklichkeit bezieht. Bild kann alles sein – zentral ist nur noch, welcher Eindruck mit der Sprache erzeugt wird. Auf einer anderen Ebene spitzt Holofernes diese Erkenntnis moralisch zu, wenn sie feststellt:

Die Bild­zei­tung ist ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment – nicht nur ein stark ver­grö­ßern­des Fern­rohr in den Ab­grund, son­dern ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht.

Letztlich gibt es aber nicht, was »Deutschland« oder »die Welt« beschreiben könnte – jede Beschreibung »macht« das Beschriebene. Zu entscheiden bleibt nur noch, ob wir wollen, dass es so aussieht wie das, was in Bild steht.

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