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16. März 2011 / Philippe Wampfler

Nietzsches toller Mensch. Das Fragezeichen. Das Fragen des Menschen und der Philosophie.

Nietzsches »Der tolle Mensch« aus dem dritten Buch von Die fröhliche Wissenschaft benutzt eine Häufung von Fragen, in denen die Konsequenzen der behaupteten Tötung Gottes ausgeleuchtet werden:

Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn.

In seinem Aufsatz zur philosophischen Bedeutung des Fragezeichens sieht Georg Kohler diesen Text als exemplarisch für das Fragen in der Philosophie an: Die Fragezeichen stünden für »musikalische Praxis, als Stimmgebung und Gegenwartssteigerung«, da die Texte »Schauplätze der Stimme« sind, werden die »Satzzeichen zu Hauptdarstellern auf der Bühne von Nietzsches Stil« (S. 22).

Der Aphorimsus 125 der Fröhlichen Wissenschaft oder vielmehr sein Schriftbild entfesseln einen grafischen Tumult, in dem das Fragezeichen zur einzigen Konstanten wird. Das Augenfällige entspricht dem Sinn des Gesagt: Des »tollen Menschen« Fragenkatarakt löst alle kosmologischen Halterungen der irdischen Existenz auf, um die Erfahrung absoluter Orientierungslosigkeit aufklaffen zu lassen, die dem Gottestod folgt, wenn man wirklich begriffen hat, was er bedeutet: »Wir müssen selber zu Göttern werden…«[…] Des »tollen Menschen« letztes Fragezeichen markiert einen Sturz, der kein Ende hat – als Gesetz der Gegenwart und der Zukunft. (S. 23)

* * *

Kohler geht einen Schritt weiter und fragt, ob es das Fragezeichen (zu seiner Geschichte habe ich mich hier geäußert) wirklich braucht: »Denn um zu signalisieren, dass jemand eine Frage hat, genügen ja die Regeln des Satzbaus, der Inversion, der Umstellung von Verb und Pronomen.« Kohler kommt zu einem Schluss, der anthropologische Konsequenzen hat:

Aber seine Funktion ist eben gar keine syntaktische, sondern die des herausragenden Stimmführers im Buchstabengestöbers […] In ihm wird der Überschuss über alle Gewohnte, brav Regelhafte und zweifellos Richtige sichtbar, der menschliches Existieren erst einzigartig sein lässt: der Überschuss der Frage und des Fragens über jede Antwort und jede vermeintliche Gewissheit hinaus.
Das Fragen ist das erstaunliche und im Grunde tiefrätselhafte Können des »nicht-festgestellen Tiers«, das als einziges unter allen Geschöpfen zu fragen gelernt hat und so erst zu seiner vernünftigen Freiheit und Handlungsfähigkeit gelangen konnte.
Das beweist die gefährliche und umstürzende Frage Evas vor dem Baum der Erkenntnis im Garten Eden (»Wäre es nicht gut, von dem Baume zu essen, weil er klug macht und wissend?«) […]
Dass die Philosophie ein für allemal Philo-sophie bleibt, also fragen nach dem, was wahr und gut ist, ist kein Zufall. Nur philosophierend kann der menschliche Geist sein seltsames Wesen zwischen Freiheit und Naturkausalität ganz ausprobieren und verwirklichen. – Das Fragezeichen sein Emblem.  (S. 24)

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