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2. Februar 2011 / Philippe Wampfler

Die Natur befragen. Zweifel an der wissenschaftlichen Methode.

Bacon hat das Experiment verstanden als eine Befragung der Natur. Genau so werden heute experimentelle Befunde gehandhabt: Die experimentell gewonnene, statistisch solide Antwort der Natur ist die Basis für unser Wissen über diese Natur und für unser Handeln.

Jonah Lehrers Artikel im New Yorker zeigt aber auf, dass es mit der Art und Weise, wie wir die Natur befragen, konkrete Probleme gibt. Kurz gesagt: Resultate aus wissenschaftlichen Studien werden bei wiederholter Überprüfung immer schwächer.

Dafür gibt es eine Reihe von Beispielen:

  1. Psychopharmaka (Antipsychotika) der zweiten Generation wirken immer weniger gut und kaum besser als Psychopharmaka der ersten Generation.
  2. Das Verbal-Overshadowing-Phänomen scheint immer weniger stark nachweisbar zu sein.  VO besagt, dass man sich weniger gut an ein Gesicht erinnern kann, wenn man es auch mit Worten beschreiben musste.
  3. ESP (außersinnliche oder übersinnliche Wahrnehmung) kann in gewissen Studien nachgewiesen werden (z.B. Precognition; d.h. man kann an einer Wörtliprüfung die Wörter besser, die man im Nachhinein gelernt hat)
  4. Die Wirksamkeit von Akupunktur kann in asiatischen Studien belegt, in westlichen widerlegt werden.
  5. Sexuelle Selektion basiert auf Symmetrie (je symmetrischer ein Lebewesen, desto weniger Mutationen weist es auf) –Resultat konnte immer schlechter nachgewiesen werden.

Lehrer fügt eine Reihe von Erklärungsmöglichkeiten für das Problem an – die aber alle nicht schlüssig erklären, warum diese Effekte eintreten:

  • Statistische Ausreißer werden bei Wiederholungen weniger wahrscheinlich und man nähert dich einem Durchschnittswert an. (Aber: Alle Resultate von 1.-5. basieren auf statistisch soliden Analysen in welchen zufällige Ausschläge bedeutungslos sein sollten.)
  • Im Hinblick auf eine Publikation werden Studien bevorzugt, welche einen Effekt belegen können.
  • Wissenschaftler biegen die Daten so zurecht, dass ein Effekt sichtbar wird (z.B. Messungen der Symmetrie bei 5.).
  • Psychologische Effekte: Wenn wir an etwas glauben, sehen wir eher das, was uns in unserem Glauben bestärkt.
  • Viele wissenschaftliche Studien sind Ausdruck von Effekten, welche von unbekannten Variablen beeinflusst sind.

Lehrers Fazit:

We like to pretend that our experiments define the truth for us. But that’s often not the case. Just because an idea is true doesn’t mean it can be proved. And just because an idea can be proved doesn’t mean it’s true. When the experiments are done, we still have to choose what to believe.

  1. Dominik / Feb 2 2011 5:19 pm

    Dein Schluss, etwas stimme mit der wissenschaftlichen Methode nicht, erscheint mir etwas vorschnell. Es ist es für mich kaum erstaunlich, dass Studien unscharfe und teils widersprüchliche Resultate liefern, wenn man die Komplexität der untersuchten Systeme berücksichtigt. Selbst wenn wir die Natur in ihrer Gesamtheit verstehen würden, wäre es unmöglich alle Variablen in einer solchen Studie zu berücksichtigen. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass verschiedene Untersuchungen verschiedene Resultate liefern.

    Weiter ist es auch möglich, dass gewisse Resultate zwar unerwartet aber nicht falsch sind. Man bei heutigem Wissensstand zwar davon aus, dass ESP nicht möglich ist und die Ergebnisse der Studien deshalb falsch sein müssen. Jedoch ist das Umgekehrte sehr wohl denkbar und dass das wir auf ein Phänomen gestossen sind, welches nach einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel ruft.

    Leider werden solche Überlegungen erschwert durch die mangelnde Qualität vieler Studien – vor allem in Medizin und Geistes- und Sozialwissenschaften. Zum einen liegt dies an mangelhaften statistischen Methoden und deren Auslegung und zum andern daran, dass viele Forscher unter Veröffentlichungsdruck stehen oder Anreizen aus der Industrie erliegen.

    Keiner dieser Punkte könnte nun aber als Argument gegen die wissenschaftliche Methode verwendet werden, sondern nur gegen das wissenschaftliche Establishment. Schliesslich ist die wissenschaftliche Methode nichts anderes als der Glauben in unsere Sinne und die Kontinuität der Welt (Induktion), was doch Voraussetzung ist um den eigenen Gedanken Glauben schenken zu können.

    • Philippe Wampfler / Feb 2 2011 9:47 pm

      Ich bin völlig einverstanden – im übrigen wollte ich nicht den Schluss anbringen, die wissenschaftliche Methode sei flawed, sondern habe diesen Titel etwas vorschnell von Lehrers Frage im Titel übernommen.
      Die wesentlichen Aspekte sind:
      a) Komplexität der Systeme
      b) falsche Anreize und mangelnde Kontrollen im wissenschaftlichen Betrieb
      c) Induktionsproblem [niemand meint ja ernsthaft, Induktion sei empirisch kein Problem]
      d) Psychologie.
      Damit lassen sich wohl ganz gewichtige Aspekte erklären – und doch ist es sehr erstaunlich, was beispielsweise an der stark anwendungsorientierten medizinischen Forschung zu bemängeln ist.

  2. Adriano Mannino / Feb 2 2011 9:43 pm

    Wie anderswo schon gesagt: Die Titelformulierung scheint mir irreführend. Zur wissenschaftlichen Methode (Hypothesen, Deduktionen daraus, relevante empirische Daten sammeln/generieren und mit den Deduktionen abgleichen) gibt es keine Alternative und es ist auch nicht einzusehen, was mit diesem Versuch, Fragen möglichst systematisch und rigoros zu beantworten, nicht stimmen könnte. Der Artikel versucht – mit der wissenschaftlichen Methode – das Decline-Phänomen zu erklären. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat die Natur besondere Habituationseigenschaften (unwahrscheinlich, müssten sie sich doch sonst auch anderweitig manifestieren) oder aber das Phänomen ist ein Produkt statistischer Effekte, kognitiver und/oder institutioneller „biases“. Nicht mit der wissenschaftlichen Methode stimmt also etwas nicht, sondern ihrer mit kognitiven und institutionellen Einbettung.

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