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22. Dezember 2010 / Philippe Wampfler

Kafkas Schloss. Fragen wie ein Kind. Blicke als Fragen und Antworten.

Ich beschäftige mich seit einer Weile intensiv mit Kafkas Schloß-Fragement und twittere auch ein wenig dazu.

Zum Roman wurde schon mehr geschrieben, als man in vernünftiger Frist lesen könnte – und ich möchte keine weitere Analyse hinzufügen, sondern nur einige Beobachtung zum Fragen und zu Fragen in diesem Text zusammenstellen.

Zunächst einmal funktioniert der ganze Roman gerade deshalb, weil er die entscheidenden Fragen nicht stellt: Warum kommt K. in das Dorf? Warum geht er nicht weg? Wer ist er eigentlich? Warum ist das Schloß für ihn so wichtig?

Diese Fragen erhalten keine Antworten, sondern werden immer wieder neu gestellt und neu interpretiert. (»Du bis noch immer im Dorf?« »Ja«, sagte K., »ich bin für die Dauer gekommen.«) Genau so gehen auch die Figuren Kafkas mit Fragen um – oft ist unklar, ob es sich um eine Frage handelt, sie beantworten von mehreren Fragen nur eine oder geben Antworten, die nicht direkt mit den Fragen zusammenhängen. Sehen wir uns einige Beispiele an:

»Das Schloß gefällt euch nicht?« fragte der Lehrer schnell. »Wie?« fragte K. zurück, ein wenig verblüfft und wiederholte in milderer Form die Frage: »Ob mir das Schloß gefällt? Warum nehmet Ihr an, daß es mir nicht gefällt?» »Keinem Fremden gefällt es«. Um hier nichts Unwillkommenes zu sagen, wendete K. das Gespräch und fragte: »Sie kennen wohl den Grafen?« »Nein«, sagte der Lehrer und wollte sich abwenden, K. gab aber nicht nach und frage nochmals: »Wie? Sie kennen den Grafen nicht?« »Wie sollte ich ihn kennen?« sagte der Lehrer leiste und fügte auf französisch hinzu: »Nehmen Sie Rücksicht auf die Anwesenheit unschuldiger Kinder.« (S. 18, Originalfassung Fischer Verlag)

Die Passage zeigt Kafkas sprachliche Brillanz. Die negierte Frage (»gefällt euch nicht«) wird von K. gemildert und in positiver Form wiederholt – während er seine eigene Frage bei der Wiederholung negiert (»kennen den Grafen nicht«). Keine der gestellten Fragen wird beantwortet, auf jede wird eine Gegenfrage gestellt. Der Schluss zeigt deutlich, dass eines der Probleme von K. darin besteht, dass er nicht die richtigen Fragen zu stellen weiß.

Das zeigt sich auch deutlich in der Unterhaltung mit dem Vorsteher:

»Erlauben Sie Herr Vorsteher, daß ich Sie mit einer Frage unterbreche«, sagte K., »erwähnten Sie nicht früher einmal eine Kontrollbehörde? Die Wirtschaft ist ja nach Ihrer Darstellung eine derartige, daß einem bei der Vorstellung, die Kontrolle könnte ausbleiben, übel wird.«
»Sie sind sehr streng«, sagte der Vorsteher, […] Nur ein völlig Fremder kann Ihre Frage stellen. Ob es Kontrollbehörden gibt? Es gibt nur Kontrollbehörden.« (S. 82)

So klare Antworten auf seine Fragen erhält K. schon ganz zu beginn des Romans. Im zweiten Kapitel telefoniert er mit dem Schloß, er gibt sich als »Gefhilfe des Herrn Landvermessers« aus:

»Wer bin ich also?« frage K. ruhig wie bisher. Nach einer Pause sagte die gleiche Stimme mit dem gleichen Sprachfehler und war doch wie eine andere tiefere achtungswertere Stimme: »Du bist der alte Gehilfe.«
K. horchte dem Stimmklang nach und überhörte dabei fast die Frage: »Was willst Du?« Am liebsten hätte er den Hörer schon weggelegt. Von diesem Gespräch erwartete er nichts mehr. Nur gezwungen frage er noch schnell: »Wann darf mein Herr ins Schloß kommen?« »Niemals«, war die Antwort. »Gut«, sagte K. und hing den Hörer ein. (S. 31)

K. akzeptiert diese Antworten nicht. Was gesagt und geschrieben wird im Roman bedarf immer der Interpretation. Der Vorsteher gibt K. zu verstehen, dass die Telefongespräche, welche man mit dem Schloß führe, keine amtlichen Auskünfte seine, vielmehr könnten sie als reine Scherze (S. 91) angesehen werden.

Als Befragter entzieht sich K. dem Verhör und reagiert auf die Frage der Dorfbewohner und Beamten ähnlich unverständig wie diese auf seine Fragen – gerade deshalb, weil er ihr Verhalten einer ständigen wechselnden Interpretation unterzieht, und weil eine sinnvolle Antwort auch eine Antwort auf die Frage nach K. selbst wäre:

Im gegenüber der Herr schwieg noch, so  als hätte er für das zu Sagende nicht genug Atem in seine überbreiten Brust. »Das ist ja entsetzlich«, sagte er dann und schob seinen Hut ein wenig aus der Stirn. Wie? Der Herr wußte doch wahrscheinlich nichts von K.’s Aufnehtalt im Schlitten und fand schon irgendetwas entsetzlich? Etwas daß K. bis in den Hof gedrungen war? »Wie kommen Sie denn hierher?« fragte dann der Herr schon leiser, schon ausatmend, sich ergebend in das Unabänderliche. Was für Fragen! Was für Antworten! Sollte etwa K. noch ausdrücklich selbst dem Herr bestätigen, daß sein mit soviel Hoffnungen begonnener Weg vergebens gewesen war? (S. 130)

K. verhält sich, so heißt es im Kapitel, in dem er das Verhör verweigert, wie ein Kind:

Wenn ein Kind so fragt, lacht man darüber, wenn es ein Erwachsener tut, ist es eine Beleidigung des Amtes […]

»Wird denn, Herr Seketär«, fragte K., »Klamm dieses Protokoll lesen?« »Nein«, sagte Momus, »warum denn? […]« »Herr Landvermesser«, klagte die Wirtin, »Sie erschöpfen mich mit solchen Fragen.« Ist es denn nötig oder auch nur wünschenswert, daß Klamm dieses Protokoll liest und von den Nichtigkeiten Ihres Lebens wortwörtlich Kenntnis bekommt […]. Und ist es denn für das was Sie Ihre Hoffnung nennen, nötig? Haben Sie nicht selbst erklärt, daß Sie zufrieden sein würden, wenn Sie nur Gelegenheit hätten vor Klamm zu spreche, auch wenn er Sie nicht ansehn und Ihnen nicht zuhören würde? Und erreichen Sie durch dieses Protokoll nicht zumindest dieses, vielleicht aber viel mehr?«
»Viel mehr?« frage K., »auf welche Weise?« »Wenn Sie nur nicht immer«, rief die Wirtin, »wie ein Kind alles gleich in eßbarer Form dargeboten haben wollten. Wer kann denn Antwort auf solche Fragen geben? (S. 142f. )

Die Befragung eines Kinder wird exemplarisch an Hans durchgespielt, einem Schulknaben, der anbietet, er wolle K. helfen und später angibt, sein Ziel sei es, so zu werden wie K. – also ein Kind, in dem sich K. zumindest spiegelt:

Und nun mußte er von seiner Mutter erzählen, aber er tat es nur zögernd und erst auf wiederholte Aufforderung, es zeigte sich nun doch, daß er ein kleiner Junge war, aus dem zwar manchmal, besonders in seinen Fragen, vielleicht im Vorgefühl der Zukunft, vielleicht aber auch nur infolge der Sinnestäuschung des unruhig-gespannten Zuhörers, fast ein energischer, kluger, weitblickender Mann zu sprechen schien, der dann aber gleich darauf ohne Übergang nur ein Schuljunge war, der manche Fragen gar nicht verstand, andere mißdeutete, der in kindlicher Rücksichtslosigkeit zu leise sprach, obwohl er oft auf den Fehler aufmerksam gemacht worden war, und der schließlich wie aus Trotz gegenüber manchen dringenden Fragen vollkommen schwieg, und zwar ganz ohne Verlegenheit, wie es ein Erwachsener niemals könnte. Es war überhaupt, wie wenn seiner Meinung nach nur ihm das Fragen erlaubt sei, durch das Fragen der anderen aber irgendeine Vorschrift durchbrochen und Zeit verschwendet würde. Er konnte dann lange Zeit stillsitzen mit aufrechtem Körper, gesenktem Kopf, aufgeworfener Unterlippe. Frieda gefiel das so, daß sie ihm öfters Fragen stellte, von denen sie hoffte, daß sie ihn auf diese Weise verstummen lassen würden; es gelang ihr auch manchmal, aber K. ärgerte es.

Fragen strukturieren wie in diesem Beispiel Beziehungen, so auch die Beziehungen zu Frauen, die K. unterhält. Formuliert wird dies in der sonderbar langen Analyse der Beziehung zwischen Schwarzer und Gisa, über die es heißt:

Dabei liebte ihn Gisa vielleicht gar nicht, jedenfalls gaben ihre runden grauen, förmlich niemals blinzelnden, eher in den Pupillen scheinbar sich drehenden Augen auf solche Fragen keine Antwort […] (S. 200)

Was zwischen sich anschauenden Personen passiert und was sich aus den Augen ablesen lässt, ist nichts anderes als ein Wechsel von Frage und Antwort. Als K. Fried zum ersten Mal sieht, lässt sich dies an einer Reihe von Formulierungen zeigen.

K. hörte nicht auf, Frieda von der Seite her anzusehen, auch als sie schon mit Olga sprach. Freundinnen schienen Olga und Frieda nicht zu sein, sie wechselten nur wenige kalte Worte. K. wollte nachhelfen und fragte deshalb unvermittelt: »Kennen Sie Herrn Klamm?« Olga lachte auf. »Warum lachst Du« fragte K. ärgerlich. »Ich lache doch nicht«, sagte sie, lachte aber weiter. »Olga ist noch ein recht kindisches Mädchen, sagte K. (S. 48f.)

»Mit diesen zarten Händen«, sagte K. halb fragend und wußte selbst nicht, ob er nur schmeichelte oder auch wirklich von ihr bezwungen war. […] K. sah sie fragend an, sie schüttelte den Kopf und wollte nicht weiter reden. (S. 50f.)

»Nur eines noch, Fräulein Frieda«, sagte er, »ist ist außerordentlich und eine auserlesene Kraft ist dazu nötig, sich von einer Stallmagd zum Ausschankmädchen vorzuarbeiten, ist damit aber für einen solchen Menschen das endgültige Ziel erreicht? Unsinnige Frage. Aus Ihren Augen, lachen Sie mich nicht aus, Fräulein Frieda, spricht nicht so sehr der vergangene, als der zukünftige Kampf. Aber die Widerstände der Welt sind groß, sie werden größer mit den größeren Zielen, und es ist keine Schande, sich die Hilfe selbst eines kleinen, einflußlosen, aber ebenso kämpfenden Mannes zu sichern. Vielleicht könnten wir einmal in Ruhe miteinander sprechen, nicht von so vielen Augen angestarrt.« – »Ich weiß nicht, was Sie wollen«, sagte sie, und in ihrem Ton schienen diesmal gegen ihren Willen nicht die Siege ihres Lebens, sondern die unendlichen Enttäuschungen mitzuklingen. »Wollen Sie mich vielleicht von Klamm abziehen? Du lieber Himmel!« und sie schlug die Hände zusammen. »Sie haben mich durchschaut«, sagte K., wie ermüdet von soviel Mißtrauen, »gerade das war meine geheimste Absicht. Sie sollten Klamm verlassen und meine Geliebte werden. Und nun kann ich ja gehen. Olga!« rief K. »Wir gehen nach Hause.«

Der Schlüsselbegriff hier ist »durchschaut« – sowohl durch das Stellen der richtigen Fragen wie auch durch die richtigen Blicke werden Menschen erfasst und eingeordnet, sie treten in Beziehungen durcheinander. K. ist ein Fremder, weil er falsche Fragen stellt und Fragen nicht beantworten kann – und er stellt die falschen Fragen, weil er ein Fremder ist. Diese Dialektik durchzieht – in verschiedensten Formen – den ganzen Text.

Ich lese den Text grundsätzlich nicht allegorisch – es hilft meiner Lektüre nicht, anzunehmen, das Schloss stünde für die Gnade oder sonstwas. Vielmehr handelt er von »Lebensfragen«:

»[…] für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob er wirklich mit Klamm spricht oder nicht.« »Für mich nicht minder«, sagte K. und sie rückten noch näher zusammen auf der Ofenbank. (S. 216)

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