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28. Oktober 2010 / Philippe Wampfler

Heirat als Frage. Kierkegaard und sein Verführer.

Im Tagebuch des Verführers lässt Kierkegaard Johannes sich Notizen aus der Perspektive des Verführers machen – der in letzter Konsequenz die von ihm verführte Kordelia dazu bringt, ihn zu verlassen, im Glauben, es handle sich dabei um ihre eigene, freie Entscheidung.

In einem Tagebucheintrag gibt es eine Überlegung zur Heirat (Johannes und Kordelia sind verlobt) bzw. zum Vorgang des »Freiens«. Die klischeehafte Darstellung des Mannes als aktiv und der Frau als passiv ist dabei augenscheinlich und auch wenig interessant, man denke sich diese Darstellung auf einer anderen Abstraktionsebene: Dass die vertragsähnliche Freundschaft von zwei Menschen auf diesen Prinzipien beruht, dass nämlich jemand die fragende, jemand die antwortende Partei ist in dieser Freundschaft. Nun zum Zitat:

Dieses Sein des Weibes – das Wort Existenz sagt schon zu viel, denn sie hat ihr Leben nicht aus sich selber – wird richtig als Anmut bezeichnet, ein Ausdruck, der an das vegetative Leben erinnert; sie ist wie eine Blume, wie die Dichter gern sagen, und selbst das Geistige in ihr ist gewissermaßen vegetativ. Sie liegt ganz innerhalb der Grenzen des Natürlichen und ist deshalb nur ästhetisch frei. Im tiefren Sinn wird sie erst durch den Mann frei, deshalb heißt es: freien, und deshalb freit der Mann. Wenn er richtig freit, kann von einer Wahl keine Rede sein. Das Weib wählt wohl, aber ist dieses Wählen das Resultat einer langen Überlegung, dann ist’s auch unweiblich. Deshalb ist es eine Schande, wenn man sich einen Korb holt. Der Mann hat sich selber zu hoch geschätzt, hat eine andre frei machen wollen, ohne es zu können. – In diesem Verhältnis liegt eine tiefe Ironie. Das, was für ein andres ist, scheint das Prädominierende zu sein: der Mann freit, das Weib wählt. Das Weib ist nach ihrem Begriff die Überwundene, der Mann nach seinem Begriff der Sieger, und doch beugt sich der Sieger vor der Besiegten. Es hat das auch seinen tiefern Grund. Das Weib ist nämlich Substanz, der Mann Reflexion. Sie wählt deshalb auch nicht ohne weiteres, sondern der Mann freit, und dann wählt das Weib. Aber des Mannes Freien ist ein Fragen, ihr Wählen eigentlich nur die Antwort auf eine Frage. In gewissem Sinn ist der Mann mehr, als das Weib, im andern Sinn unendlich viel weniger.

  1. Frisches Hundzolz / Nov 1 2010 3:08 pm

    Würdest du diesen Gedanken noch etwas ausführen mögen? Die Idee verfolgt mich ein wenig. Meinst du damit etwas in der Art von: Das, was den Vertrag freundschaftlich macht, ist, dass sich sein Motiv im Annähern an die Freundsperspektive erschöpft. Freier: „Ich sehe die Welt aus meiner Perspektive. Wenn ich eine Person mag, dann will ich wissen, wie sie die Welt sieht. Unsere Kommunikation ist immer nur ein Fragen/Antworten um dies herauszufinden. Ihre Antworten dienen mir als Fragmente des unendlichen Freundsperspektivenganzen“..?
    Oder meintest du es genereller, dass Kommunikation immer/nur durch ein Antwortmotiv von einer Fragepartei initiiert wird? Oder etwa, du legtest den Bemerkungsschwerpunkt auf die verschiedenen Parteien (antwortende und fragende), deine These demnach, dass diese Parteien innerhalb einer Freundschaft fix (wie bei Kierkegaard) eingenommen werden?

    • Philippe Wampfler / Nov 2 2010 8:02 pm

      Es tut mir Leid, dass diese Antwort so lange gedauert hat – das hängt aber auch damit zusammen, dass ich mir die Frage erst etwas durch den Kopf gehen lassen musste.
      Zunächst muss ich mich vielleicht für meine Begriffswahl rechtfertigen – »vertragsähnlich« meinte nur, dass gewisse Verbindlichkeiten, genauer: gegenseitige Erwartungen an die Freundschaften bestehen, welche beide Parteien längerfristig zu erfüllen bereit sind.
      Nun zu dem, was das Verhältnis von fragendem zu antwortendem Partner genauer meint. Fragend heißt: Erwartungen äußern, aber mehrere Möglichkeiten zur Erfüllen offen lassen. Es heißt: Die andere Person befragen. Der aktive, initiative Teil sein. Antwortend heißt entsprechend die Reaktion darauf. Der Clou an Kierkegaards Gedanke scheint mir nun zu sein, dass beide Teile hinsichtlich des anderen befreiend wirken – dass die Freundschaft dann befreit, obwohl sie einzuschränken scheint.
      Ergibt das einen Sinn?

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