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19. Oktober 2010 / Philippe Wampfler

Die Sanfte. Phantastisch und realistisch. Sich selber befragen.

Dostojewski bezeichnete seine Erzählung »Die Sanfte« als »phantastisch«, präzisiert dann aber im Vorwort:

Ich habe [die Erzählung] »phantastisch« genannt, obwohl ich sie selbst in höchstem Maße für real halte. […] Diese Hypothese vom Stenografen, der alles aufgezeichnet hat […], ist das, was ich in dieser Erzählung als phantastisch bezeichne.

Die Erzählung ist ein innerer Monolog, in dem ein Pfandleiher auf seine gescheiterte Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau zurückblickt, die sich umgebracht hat (eben, die Sanfte). Der Pfandleiher hat sich in dem Moment, als das Mädchen gezwungen war, einen abstoßenden Krämer zu heiraten, entschlossen, ihr einen Heiratsantrag zu machen.

Am Ende des zweiten Kapitels heißt es:

Auch jetzt verstehe ich es nicht, auch jetzt verstehe ich nichts! […] Doch wer war denn für sie damals schlimmer – ich oder der Krämer? Der Krämer oder der Pfandleiher, der Goethe zitiert? Das ist noch die Frage! Ist es eine Frage? Auch da komme ich nicht dahinter: die Antwort liegt auf dem Tisch, aber du sagst: »Eine Frage!«

In Form des toten Mädchens, so der Ich-Erzähler, liege die Antwort »auf dem Tisch« – er war natürlich schlimmer, weil er so versteckt grausam war und sie sich deshalb umgebracht hat (der ganze Monolog ist eine Analyse von psychischer Gewalt in einer Beziehung). Und doch stellt er sich diese Frage, die eben als Frage zeigt, mit welchen rhetorischen Mitteln er sich vor sich selbst zu rechtfertigen versucht hat.

Kann man sich selber eine Frage stellen? Eine Frage, deren Antwort man nicht weiß? Und was wäre der Sinn davon, eine Frage an sich selbst zu richten?

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