Skip to content
19. September 2010 / Philippe Wampfler

Noch einmal Formspring. Diesmal Mobbing. Der Purity-Test. Danah Boyd.

Dieses Blog hat bisher – im Verhältnis zum betriebenen Aufwand – wenig Aufmerksamkeit bekommen. Mag sein, dass ich es zu wenig promote. Mag sein, dass der Zusammenhalt durch das Thema Fragen zu wenig stark ist. Mag sein, dass die Einträge zu wenig den Aufmerksamkeitsattraktoren von Blogs entsprechen. Auf jeden Fall hat Jana Herwig (die Initiantin der »a comment a day«-Aktion) heute  einen Blogpost dieses Blogs aufgegriffen – und mir gleich eine Vorlage für einen weiteren Eintrag geliefert. Danke!

Auf die Möglichkeiten von Formspring.me bin ich hier schon einmal eingegangen. Grundsätzlich ist es eine einfache Seite, die es erlaubt, angemeldeten Benutzern (wie mir) Fragen zu stellen. Diese Fragen können die User entweder beantworten – dann werden Fragen und Antworten publiziert. Oder aber sie können sie nicht beantworten, dann sind die Fragen nur für die User selbst sichtbar, erscheinen also nicht auf dem Internet.

Danah Boyd analysiert, wie auf Formspring.me vor allem unter Teenagern Mobbing entsteht (sie nennt es »Harassment«, was wohl etwas stärker als Mobbing ist). Sie stellt zuerst fest, dass das Ausfüllen von Fragebögen seit längerem für Teenager faszinierend ist – ja, dass intime persönliche Fragen ein Faszinosum für fast alle Menschen sei. Dabei spielt das Internet fast keine Rolle, wie auch in den Kommentaren diskutiert wird: Schon seit jeher wurden in Schulen Freundschaftsbücher oder selbst gemachte Fragebögen ausgefüllt. Zentral sind dabei drei Feststellungen:

  • es braucht einen halb-anonymen Kontext (oft wissen die betroffenen Personen aber, wer unflätige Fragen gestellt bzw. Antworten gegeben hat, sei es im Internet oder im realen Leben)
  • Frauen interessieren sich tendenziell mehr für solche Frage-Antwort-Spiele als Männer
  • das Spiel zeigt deutlich den sozialen Status von Teenagern.

Soweit nicht sehr überraschend. Nun erlaubt aber Formspring.me im Gegensatz zu physischen Spielen dieser Art, Fragen verschwinden zu lassen, indem man sie nicht beantwortet: Niemand würde sehen, dass die Frage nicht beantwortet worden ist, weil niemand sehen kann, welche Fragen gestellt wurden. D.h. der Entscheid eine Frage zu beantworten ist mit dem Entscheid, diese Frage auch zu publizieren verbunden. Boyd zitiert zwei Beispiele:

Q: “fagget!”
A: “you spelt faggot wrong … idiot.”

Q: “I’d rape you so hard.  You’re fucking hot”
A: “Gross on the first part.  Sanks on the second part I think?”

Abgesehen davon, dass es sich nicht um Fragen handelt (in den Kommentaren wird das wohl verbreitetere Beispiel »Are you gay?« diskutiert), zeigen diese Beispiele, dass es darum geht, den Beweis zu erbringen, dass man bzw. eher frau hart im Nehmen ist. Die Teenager wollen diese Fragen beantworten, um zu zeigen, dass sie es können, dass sie nicht ausweichen müssen. Die Fragen werden als Testfragen gestellt, um zu prüfen, wie viel es braucht, bis jemand kneift.

Danah Boyd befürchtet nun bei Formspring.me eine Eskalation fest. Die Regeln des Spiels lauten offenbar: »Stelle verletzende Fragen und stelle dich verletzenden Fragen.« Während Erwachsene Mobbing eher verstecken wollen oder zu ignorieren versuchen, machen es Teenager nicht nur präsent, sondern sehen es identitätsstiftend an, sowohl aktiv als auch passiv daran teilzunehmen.

Ich stelle diese Feststellung ohne Kommentar zur Diskussion – finde es aber generell spannend, wie viel es braucht, bis man sich einer Frage verweigert. Oder: Wie stark das Verweigern einer Antwort als persönliche Schwäche einer Person ausgelegt wird.

* * *

Danah Boyd erwähnt bei der Besprechung ihrer eigenen Erfahrungen im Umgang mit Fragen den Purity-Test – einen Fragebogen, bei dem man herausfinden kann, wie »rein« bzw. »unschuldig« (ja, im sexuellen Sinne) man im Vergleich mit anderen ist: Hier ist er. (Nein, ich habe ihn nicht ausgefüllt. Und würde meine Leserschaft diesbezüglich auch nicht anlügen.)

  1. wahrscheinlich / Sep 21 2010 10:17 am

    Ich kann mich gut an den Purity-Test erinnern, der ein riesen Thema war, als ich in den USA ein Austauschjahr gemacht habe. Damals hat man die Fragen noch auf einem Stück Papier angekreuzelt und ich kann mich noch gut erinnern, wie schockiert ich über die amerikanische Prüderie war, als ich gesehen habe, für was wie viele „Unreinheitspunkte“ vergeben wurden…

    Die soziale Kontrolle scheint mir übrigens weniger gross, wenn man das Ding online ausfüllt, als wenn man wie damals zusammen an einem Tisch sass und Kreuzchen machte 🙂

    • Philippe Wampfler / Sep 21 2010 11:37 am

      Definitiv. Das ist eine spannende Praxis, von der ich noch nie etwas gehört habe. Du hast nicht zufällig noch einen ausgefüllten Bogen in einer Austauschjahrbox?

      • wahrscheinlich / Sep 21 2010 10:06 pm

        falls ich das irgendwo in meinem chaos mal finden sollte, kann ich es dir gerne zukommen lassen. falls ich mich richtig erinnere, habe ich jedenfalls damals nichts angekreuzt, was mir heute peinlich wäre 🙂

        • Philippe Wampfler / Sep 22 2010 11:52 am

          Wollte natürlich nicht deine privaten Statements lesen – sondern nur einen Eindruck erhalten, wie diese Bögen letztlich ausgewertet worden sind (und ausgesehen haben). Nur damit da keine falschen Eindrücke aufkommen… 

  2. cocktail dresses party dresses / Jan 15 2014 6:32 pm

    Now that is nice!… Keep the posts coming as I’ve subscribed to your RSS feed….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: