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7. September 2010 / Philippe Wampfler

Arbeiterbefragung. Marx‘ Fragebogen.

Karl Marx suchte in den 1860er-Jahren nach Möglichkeiten, die Lage der Arbeiterklasse statistisch zu erfassen. Er entwickelte die Idee einer statistischen Untersuchung durch diese Arbeiterklasse selbst – welche in einem Fragebogen resultierte, den er 1880 zuerst auf englisch erstellte. Der Fragebogen wurde unter dem Titel Enquête Ouvrière in der Zeitschrift La Revue Socialiste publiziert und in 25’000 Exemplaren verschickt (Quelle).

Marx schrieb über seine Beweggründe (Quelle):

Der Fragebogen kann hier in der deutschen Übersetzung nachgelesen werden. Einige Beispiele seien genannt:

Berichten Sie aus eigener Erfahrung von Unfällen, die Verletzungen bzw. den Tod von Arbeitern verursachten.

Welche Bestimmungen und Strafen gibt es, um pünktliches Erscheinen der Arbeiter bei Beginn des Tagewerks oder nach den Mahlzeiten zu sichern?

Werden Sie durch solche Verzögerungen bei der Lohnzahlung gezwungen, häufig das Pfandhaus in Anspruch zu nehmen, dort hohe Zinsen zu zahlen und obendrein Gegenstände zu entbehren, die sie nötig gebrauchen, oder müssen Sie bei den Kaufleuten Schulden machen und werden dadurch als Schuldner deren Opfer?

Sind Ihnen jemals Fälle bekannt geworden, daß ein einfacher Arbeiter mit dem Geld, das er als Lohnarbeiter verdient hatte, sich im Alter von 50 Jahren zur Ruhe setzen konnte?

Über eine Auswertung der Fragebögen ist weiter nichts bekannt – offenbar war die Rücklaufquote zu gering.

Die Beispiele zeigen die zwei Absichten, welche hinter der Befragung der Arbeiterschaft standen:

  1. Transparenz schaffen, um allen Arbeitenden klar zu machen, wie die Situation beschaffen ist, in der sie sich befinden.
  2. Durch die Implikationen der Fragen Möglichkeiten der Verbesserung andeuten (z.B. Pensionierung mit 50 Jahren).

Marta Malo de Molina schreibt dazu:

Der Fragebogen verweigert sich einer neutralen Annäherung an die Arbeitswelt, die ausschließlich darauf gerichtet ist, nützliche Informationen zu extrahieren oder eine Situation bzw. Tatsachen festzustellen, und er ordnet seine Fragen offen von einer Seite her an (nämlich jener der ArbeiterInnenrealität), die aus der Sicht der empiristischen Soziologie in einem tendenziösen Licht erscheinen musste: Die Fragen suchen nicht so sehr danach, Angaben über eine unmittelbare Erfahrung zu erhalten, sondern sollen zuerst die ArbeiterInnen dazu bringen, über ihre konkrete Realität (kritisch) nachzudenken.

Das Verfahren der Fragebögen wurde im Operaismus, einer marxistischen Bewegung in Norditalien in der 1960/70er-Jahren genutzt, um die Arbeiterschaft zu befragen. Auch Günter Wallraff hat 1972 einen Fragebogen erstellt, mit dem Arbeiter befragt werden können. Er wollte damit »Unternehmen transparent« machen und »Öffentlichkeit herstellen«.

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