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6. September 2010 / Philippe Wampfler

Geschichten glauben. Kleists wunderbare Antwort.

In Heinrich von Kleists Essay Über das Marionettentheater erzählt ein Tänzer eine Anekdote von einem Bären, der die Angriffe eines geschickten Fechters nicht nur parieren kann, sondern zudem erkennt, bei welchen es sich um Finten handeln (und sich dann nicht einmal bewegt). Es geht ihm darum, zu belegen, dass beim Menschen das Bewusstsein bzw. die Reflexion Grazie verhindert – in einem Wort: Der Mensch ziert sich, das Tier (der Bär) oder aber die Marionette nicht.

Am Ende der Anekdote fragt der Tänzer:

Glauben Sie diese Geschichte?

Und spricht damit eine Frage aus, die ihre Antwort schon impliziert: Wenn man fragen muss, ob das Gegenüber einem glaubt – kann man dann nicht davon ausgehen, das Gegenüber würde spätestens dann an der Geschichte zu zweifeln beginnen? Nicht aber der Ich-Erzähler:

Vollkommen! rief ich, mit freudigem Beifall; jedwedem Fremden, so wahrscheinlich ist sie; um wie viel mehr Ihnen!

Das ist eine meine literarischen Lieblingsantworten. Der Essay macht nicht klar, ob das eine ernsthafte Aussage ist oder eine ironische. Auf jeden Fall gibt sie an, wem und was wir glauben: Menschen, denen wir kennen, weil sie keine Fremden sind – und Geschichten, die wir für wahr halten.

Innerhalb des Essays dürfte gerade die Reflexion über die Glaubwürdigkeit der eigenen Geschichten die Anmut beim Erzählen zerstören (jedes Nachdenken darüber, warum man wem etwas erzählt). Das Bild der Erzählung dafür ist der Jüngling, der dem Dornauszieher gleicht – und seine Grazie dann verliert, als er diese Ähnlichkeit bemerkt.

Bild: Zeichnung von Spinario Franzini 1589, Wikimedia Commons, gemeinfrei.

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