Im dritten Buch des Parzivals von Wolfram von Eschenbach wird Parzivals Erziehung beschrieben. In der Hoffenung, ihren Sohn vom Leben als Ritter abhalten zu können, hat ihn seine Mutter schlecht unterwiesen und als Narr gekleidet in die Welt entlassen. Nach einigen eher negativen Erfahrungen trifft er Gurnemanz von Graharz, der ihn als Erzieher Rittertugenden lehrt. Unter anderem sagt er ihm:
ich bin wol innen worden
daz ir râtes dürftic sît:
nu lât der unvuoge ir strît.
irn sult niht vil gevrâgen:
ouch sol iuch niht betrâge
bedâhter gegenrede, diu gê
rehte als jenes vrâgen stê,
der iuch wil mit worten spehen.
ir kunnet hœren unde sehen,
entseben unde dræhen:
daz solte iuch witzen næhen.Ich habe gemerkt,
dass Ihr Rat braucht.
Seid nicht mehr so ungehobelt!
Ihr sollt nicht viele Fragen stellen!
Gewöhnt Euch an zu überlegen,
was Ihr zur Antwort geben wollt;
sie soll auf die Frage dessen eingehen,
der etwas von Euch hören will.
Ihr könnt doch hören, sehen,
schmecken, riechen:
All dies bringe Euch so langsam zu Verstand!
Parzival soll also als Ritter keine Fragen stellen. Dieser Rat wird ihm zunächst zum Verhängnis: Auf der Gralsburg wartet der König Anfortas darauf, dass Parzival ihm eine Frage nach seinem Befinden stellt, Parzival hält sich aber an den Ratschlag von Gurnemanz. So zeigt er, dass er die Regeln der ritterlichen Tugend höher wertet als Mitleid – und wird vom Hof verstossen, anstatt König zu werden. Parzival ist sich keiner Schuld bewusst, er verflucht Gott, der ihm nicht geholfen habe. Erst der weise Einsiedler Trevrizent erklärt ihm die richtige Haltung Gott und dem Gral gegenüber:
ir jeht, ir sent iuch umbe den grâl:
ir tumber man, daz muoz ich clagen.
jane mac den grâl nieman bejagen,
wan der ze himel ist sô bekannt
daz er zem grâle sî benant.Oh Unverstand! Ihr tut mir leid!
Ihr sagt, Ihr sehnt Euch nach dem Gral.
Denn niemand kann den Gral erreichen,
den nicht der Himmel ausersieht,
und daraufhin zum Gral beruft.
Parzival lernt schließlich, dass er Anfortas aus Mitleid die richtige Frage stellen muss – und tut das schließlich, worauf er Gralskönig werden kann:
alweinde Parzivâl dô sprach
«saget mir wâ der grâl hie lige.
op diu gotes güete an mir gesige,
des wirt wol innen disiu schar.»
sîn venje er viel des endes dar
drîstunt zêrn der Trinitât:
er warp daz müese werden rât
des trûrgen mannes herzesêr.
er riht sich ûf und sprach dô mêr
«œheim, waz wirret dier?»Schluchzend sagte Parzival:
»Sagt mir, wo der Gral hier liegt.
Wenn Gottes Liebe an mir siegt,
so wird die das Gemeinschaft spüren!«
Er kniete in der Richtung des Grals hin
dreimal, der Trinität zu Ehren,
und erflehte die Befreiung
des armen Mannes von seinem seelischen Leid.
Er richtete sich auf und fragte:
»Oheim, sag, was quält dich so?«
Parzivals Parallelfigur, Gawan, stellt in seinem Abenteuer eine Frage zu viel – was dazu führt, dass ihm die wichtige Antwort verweigert wird, weil er seine Absichten durchscheinen lässt.
Man kann das Epos aus dem 13. Jahrhundert so verstehen, dass es eine entscheidende menschliche Fähigkeit ist, die richtige Frage im richtigen Moment zu stellen. Im Altgriechischen gibt es den Begriff kairos dafür – der richtige Moment, der nicht verstreichen darf.
* * *
Zu diesem Post wurde ich – nomen est omen – vom Inspirationsblog inspiriert. Dort wird das Buch Miteinander denken. Das Geheimnis des Dialogs von M. und F. Hartkemeyer/L. Freeman Dhorit zitiert:
Wir könnten uns viel Frust und manchmal auch viel Leid ersparen, wenn wir uns öfters trauen würden, echte Fragen zu stellen und «von Herzen zu sprechen». Leider hindert uns unsere gute Erziehung daran.
Johannes R. Becher hat die strenge Form des Sonetts 1937 als »Sinnbild einer Ordnungsmacht, Rettung vor dem Chaos« bezeichnet.
Fragen
Schreib mir, was du anhast! Ist es warm?
Schreib mir, wie du liegst! Liegst du auch weich?
Schreib mir, wie du aussiehst! Ist’s noch gleich?
Schreib mir, was dir fehlt! Ist es mein Arm?Schreib mir, wie’s dir geht! Verschont man dich?
Schreib mir, was sie treiben! Reicht dein Mut?
Schreib mir, was du tust! Ist es auch gut?
Schreib mir, woran denkst du? Bin es ich?Freilich hab ich dir nur meine Fragen!
Und die Antwort hör ich, wie sie fällt!
Wenn du müd bist, kann ich dir nichts tragen.Hungerst du, hab ich dir nichts zum Essen.
Und so bin ich grad wie aus der Welt
Nicht mehr da, als hätt ich dich vergessen.Bertolt Brecht, 1934
Die Adressatin des Gedichts war – wenn man es in einen biographischen Rahmen stellt – wohl Margarete Steffin. Simran Karir schreibt in ihrer Masterarbeit über die Liebeslyrik Brechts darüber (pdf, S. 118f.):
Insofem sind die Fragen des “Ich” authentische Fragen, auf die nur sie antworten kann. Die Antworten sind solche, die er für sich zwar ersehnt und braucht, keineswegs aber selber schon weiß. Sein Text ist ohne sie radikal unvollstandig, nur sie jedoch vermag ihn zu vervollstandigen. Gleichzeitig entwerfen die Fragen eine Skizze, einen Umriß von Steffin, die verlangen, von der Adressatin selber ausgefüllt zu werden. Ihr Geliebter skizziert sie bis zu einem gewissen Punkt, nur sie aber kann den Entwurf zuende fiihren und mit Leben ausfüllen. Der schattenhafte Umriß dieses Individuums wird durch die unbeantworteten Fragen geschaffen, da dieses Individuum erstmals konkret fehlt, also räumlich wo anders ist, und zweitens nie ganz von jemand anderem – am allerwenigsten dem Liebenden – erschöpfend definiert werden kann. Es bleibt ein Mysterium.
Steffin wird in die sem Sonett also als eine Person dargestellt, die der Liebende intim genug kennt, um bestimmte Bereiche ihres Lebens anzusprechen und Antworten zu ahnen, der am Ende aber ihr die Definition ihrer Person sowie ihrer Bedürfnisse überlassen muss.
Das Gedicht wurde von der Berliner Soulsängerin Joy Denalane als Songtext verwendet, der Song heißt: Fragen (Brief aus Lesotho). Hier ein Auszug:
Baudoin Prot, der Chef der größten französischen Bank BNP Paribas, hat dem Handelsblatt zuerst ein Interview gegeben – und dann doch nicht. Das Handelsblatt hat es dennoch publiziert, einfach ohne Antworten. Hier auch als pdf. 
Mimi und Eunice. Gefunden bei Martin Steiger.
In einem frühen Post habe ich auf das Fragebuch von Krogerus und Tschäppeler hingewiesen, in dem viele Fragen stehen, mit denen man sich besser kennen lernen kann. Hier die Kinowerbung:
Auf Youtube gibt es nun einen Kanal, in dem viele interessante Menschen die Fragen aus dem Fragebuch beantworten. Hier eine Auswahl:
Erich Kästner hat dieses Epigramm 1967 geschrieben. Es enthält klassisches Zuckersäckchen- oder Kalenderzitat zur Frage, das man überall lesen kann.
Sokrates zugeeignet
Es ist schon so: Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denkt an die Frage jenes Kindes:
»Was tut der Wind, wenn er nicht weht?«
Das Epigramm ist ein poetischer Spruch, ein Vierzeiler. Lessing hat geschrieben, das Epigramm soll als »sinnreichste Kleinigkeit« »Erwartung« wecken und »Aufschluss« geben. Kästner hat einen ganzen Band von Epigrammen geschrieben (ein Auszug findet sich hier als pdf), mittlerweile handelt es sich aber um eine Gattung, die in der deutschen Sprache verloren gegangen ist (hier kann man mehr dazu lesen).
Eine Mutfrage
Wer wagt es,
sich den donnernden Zügen entgegenzustellen?
Die kleinen Blumen
zwischen den Eisenbahnschwellen!
Loriots Sketches nutzen Fragen (»Wie findest du mein Kleid?« – »Oder findest du das grüne schöner?«) auf eine in der deutschen Sprache einzigartigen Weise. Nicht umsonst werden viele Kommunikationsprobleme immer wieder mit Loriots Texten und Dialogen illustriert.
Loriot selbst hat anlässlich seines 70. Geburtstags in einem Interview mit Evelyn Hamann folgende wunderbare Interviewantwort gegeben:
Wie kommen Sie nur auf all diese Ideen?
Ich habe überhaupt keine Ideen, Ideen braucht man nur, wenn man nichts erlebt.
Das verstehe ich nicht.
Dann fragen Sie doch einfach etwas anderes!
Oft wird das wie folgt wiedergegeben:
"Ich verstehe Ihre Antwort nicht." "Dann fragen Sie doch einfach was anderes."—
Loriots Zitate (@loriot_vicco) July 30, 2011
(Allgemein suche ich eine saubere Quelle für das Gespräch. Ich vermute, das Interview ist auf der Sendung zum 70. Geburtstag, ich habe sie jedoch nicht gesehen und würde mich um eine Bestätigung oder einen Link zur Quelle sehr freuen.)
Loriot hat auch immer wieder die politische Kultur auf die Schippe genommen, hier indem er einen Bürger Fragen stellen lässt. »Der Wähler fragt«:
OL bzw. Olaf Schwarzenbach ist einer der bekanntesten deutschen Cartoonisten. Er arbeitet unter anderem für Die Zeit. Die hat mit ihm ein Interview geführt, bei dem er die Fragen mit Cartoons beantwortet hat. Das sieht dann so aus – und kann hier nachgelesen werden. Besonders gefällt mir die zweite abgebildete Antwort – »gute Frage, nächste Frage«…
Heute bin ich auf einen Tumblr-Post gestoßen, in dem über eine Protestveranstaltung gegen Israel berichtet wird, die in New York stattfand. Die jüdischen Portestierenden drückten Ihre Meinung wie in den USA üblich auf beschrifteten Transparenten aus, auf die sie rhetorische Fragen schrieben:

Mir ist etwas unklar, wie diese Fragen zu beurteilen sind. Angenommen, es stünde keine Frage, sondern eine Aussage da:
I am not a self-hating jew, if I criticize the Israeli government’s unethical and inhumane policies.
oder:
The holocaust teaches us that it must never happen to anyone else ever again.
Wäre das eine schwächere Aussage? Ich denke eher nicht. Die Personen, welche die Frage in dem Sinne beantworten würden, in dem die Fragen gestellt werden (»No, you are not a self-hating jew…«), würden wohl auch die Aussage unterstützen. Bei anderen Leute fiele wohl die Antwort auf die Frage leicht: »Yes, you are a self-hating jew.«).
Fazit: Rhetorische Fragen sind da gefährlich, wo sie eine Antwort voraussetzen, welche der Zuhörer bzw. Leser nicht zu geben gewillt sein könnte.
Wissenschaftsblogger Astrodicticum schriebt heute über authentische Kinderfragen:
Aber manchmal sind auch Fragen dabei, bei denen sie versuchen, etwas mehr über unsere Welt zu lernen. Das sind die bei deren Beantwortung man sich besonders viel Mühe geben […] sollte.
Er formuliert dann gleich ein paar Beispiele dafür:
- Wie viele Tropfen fallen vom Himmel, wenn es regnet?
- Warum ist Feuer heiß?
- Wie groß ist ein Regenbogen?
- Warum bekommt man eine Erkältung, wenn es kalt ist?
- Warum stinkt es, wenn man pupst?
- Warum findet man in der Nase immer wieder neue Popel?
- Warum müssen wir ständig atmen?
- Wenn man ein Seil um die ganze Erde legt, wie lange dauert es, bis man es mit einem Staubsauger eingesaugt hat?
- Heißt England so, weil es dort so eng ist?
- Warum jucken Mückensticke?





