Skip to content
26. Dezember 2010 / Philippe Wampfler

Die Gretchenfrage. Double-Bind. Empirische Religionsforschung.

Die Gretchenfrage in der Ausgabe von 1867 (Cotta, Stuttgart).

Faust lässt sich – so viel ist wohl bekannt – mit dem Teufel aka Mephisto ein. Sie schließen einen Pakt: Mephisto dient Faust im Diesseits und wenn er dies so tut, dass Faust zufrieden ist, so muss ihm Faust im Jenseits dienen. (Die Sache ist noch etwas komplizierter, natürlich.) Nachdem Mephisto Faust in Auerbachs Keller mit Streichen an Studenten wenig unterhalten hat, lässt er ihn durch eine befreundete Hexe 30 Jahre verjüngen. Unter dem Eindruck der potenten Drogen der Hexe trifft Faust Gretchen und verliebt sich sofort ins ca. 14-jährige Mädchen.

Die Geschichte verläuft tragisch: Da Gretchen eine seriöse junge Frau ist, müssen Faust und Mephisto sie massiv korrumpieren, damit Faust bei ihr eine Chance hat. Das Tragische dabei ist nicht, dass Gretchen Schaden nimmt – sondern dass sie das im vollen Bewusstsein tut, dass Faust für sie nicht gut ist.

Das zeigt sich an der Gretchenfrage:

Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?

Die Antwort von Faust ist bezeichnend für eine moderne Form von Religiosität. Nach der Gegenfrage (»Mein Liebchen, wer darf sagen: /
Ich glaub an Gott?«) führt er aus:

Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

Faust beantwortet die Gretchenfrage zunächst nicht, entgegnet aber mit einer ganzen Theorie der Religiosität darauf. Gretchen bilanziert recht nüchtern:

Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.

So bezeichnet die Gretchenfrage heute – so Wikipedia – »eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die wahren Absichten des Gefragten entlarven soll«. Der entsprechende Eintrag grenzt sie von einem Double-Bind ab. Ein Double-Bind ist eine Kommunikationssituation, in der sich widersprechende Gebote bzw. Verbote dazu führen, dass einer der Gesprächspartner völlig gelähmt wird, weil er weder zwischen alternativen Handlungsmöglichkeiten wählen kann noch diesen Widerspruch metasprachlich kommunizieren.

Es hilft, wenn dieses Konzept am Beispiel der Gretchenfrage verdeutlicht wird. Wenn wir annehmen, die Gretchenfrage wäre eine Double-Bind-Situation, dann müsste man von folgenden Voraussetzungen ausgehen:

  1. Faust kann Gretchen nicht sagen, »wie er’s mit der Religion hat«. (Weil dann ihre Beziehung beendet wäre.)
  2. Faust will Gretchen nicht anlügen. (Das ist eine Annahme, darüber gibt der Text von Goethe keine Auskunft.)
  3. Faust muss die Frage von Gretchen beantworten. (Weil das Liebende tun und weil er mit ihr ins Bett will.)
  4. 2. steht nun im Widerspruch zu 1. und 3. macht deutlich, dass Faust weder 1. noch 2. ignorieren kann. Selbstverständlich kann er das Problem auch nicht auf der Meta-Ebene ansprechen (»Die Frage ist sehr schwierig, weil erstens hab ich einen Pakt mit dem Teufel und zweitens will ich dich nicht anlügen…«).

Man sieht also: Der Double-Bind kann nicht aufgelöst werden.

Warum handelt es sich aber bei einer Gretchenfrage nicht um einen Double-Bind? Selbstverständlich könnte Faust Gretchen anlügen und das tut er – zumindest implizit – im Verlauf der Gretchentragödie auch, indem er ihr die wahre Identität Mephistos verschweigt. Zudem schafft er es, ihre Frage zumindest teilweise nicht zu beantworten, oder aber in einen anderen Kontext zu stellen.

James Joseph Jacques Tissot - Faust and Marguerite in the Garden (1861)

* * *

Die Gretchenfrage hat eine Reihe von Neu- und Umdeutungen erfahren, so dass es müssig ist, sich eine Übersicht verschaffen zu wollen. Eine anthropologische Interpretation sei hier aber kurz angeschnitten. Der Religionswissenschaftler Michael Blume formuliert seine These wie folgt:

Die evolutionsbiologische These, frei nach Mephistopheles, also lautet: Mit der Gretchenfrage testen (vor allem, aber nicht nur) Frauen, biologisch klug, seit Jahrzehntausenden auch die Bindungsqualität potentieller Partner. Wer sich glaubwürdig von Jenseitigen auf familiäre Treue beobachtet und verpflichtet wähnt, könnte sich auch als verlässlicherer Partner erwiesen haben, eher gewählt worden sein (sexuelle Selektion) und mehr Kinder aufgezogen haben (natürliche Selektion). Sowohl für Männer wie für Frauen würde es sich demnach also lohnen, glaubwürdige Formen der Religiosität zu finden und zu zeigen. Dabei müssten sexuell-ethisch besonders strenge Gemeinschaften bei Frauen beliebter sein als bei Männern.

In einem längeren Aufsatz [pdf] expliziert er seine Annahmen auf einer empirischen Basis:

  1. Frauen [sind] insgesamt häufiger religiös orientiert als Männer.
  2. Mitglieder religiöser Gemeinschaften [weisen] ein beobachtbar abweichendes Beziehungsverhalten gegenüber Konfessionslosen auf.

Beide Thesen kann er empirisch verifizieren (ich kann seine Studien nicht nachvollziehen, er hat aber mehrere Arbeiten zu diesen Themen veröffentlich).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 2.325 Followern an

%d Bloggern gefällt das: